Bücher übersetzen – Teil 7

Leistung ist Arbeit pro Zeit. Das ist einer der wenigen Lehrsätze aus dem Physikunterricht, die sich mir eingeprägt haben. Er ist eine solide Grundlage für die Honorarfindung, über die ein Übersetzer eine faire Gegenleistung (das Honorar) für die innerhalb einer bestimmten Zeit geleistete Arbeit erhält.

Teil 7: Ein faires Honorar für Literaturübersetzungen

In den Augen der Auftraggeber (ob Verlage oder Autoren) ist das Honorar vielfach Mittel zum Zweck – nach den Gesetzen des Marktes (Angebot und Nachfrage) suchen sie einen passenden Übersetzer, der ihr Manuskript akribisch, zuverlässig und zeitnah so in die neue Sprache überträgt, dass das Werk seine Leser findet (über sonstige Qualitätskriterien wollen wir an dieser Stelle nicht sprechen). Uns Übersetzern sichert dieses Honorar die Existenz. Könnten wir nicht existenzsichernd arbeiten, gäbe es keine Übersetzung, also muss das Honorar fair sein und unsere Bedürfnisse vollständig abdecken.

Mit etwas Glück liegt vor den Verhandlungen ein Textauszug oder sogar das ganze Manuskript vor. Ich persönlich mache gern ein paar Seiten Probeübersetzung, selbst wenn der Verlag das gar nicht fordert.

So kann ich besser abschätzen, wie viel Zeit die Bearbeitung realistisch in Anspruch nimmt: Liegt mir der Stil, verstehe ich wirklich genug vom Thema, wie dicht ist der Ausgangstext gesetzt, welchen Faktor muss ich für die zu erwartenden Seiten ansetzen?

 Der Zeitfaktor

Je nach Schreibtempo und Schwierigkeit kommt eine bestimmte Seitenzahl pro Stunde heraus. Als produktive Zeit sollte man möglichst nur 3/4 bis 2/3 der Arbeitszeit ansetzen – als Vollzeit-Literaturübersetzer müsste ich also rund 46 Wochen im Jahr fünf bis sechs Stunden am Tag übersetzen und in diesen 1.150 bis 1.380 Stunden den von mir angestrebten Umsatz erwirtschaften. Der Rest der Arbeitszeit geht drauf für Werbung (Neukundengewinnung, Kundenpflege), Verhandlungen mit Kunden, Vor- und Nacharbeiten (Einlesen, Korrekturlesen), Fortbildung, Recherchen, Bibliotheksbesuche, Fahrten zur Buchmesse oder zu Lesungen und so weiter.

Tipp 19 für angehende Literaturübersetzer:

Erforderlicher Jahresumsatz geteilt durch Arbeitsstunden = Stundensatz.

Ein Nachtrag zu Post 6, Finanzplanung: Eine hilfreiche Zusammenfassung zur Ermittlung eines realistischen Stundensatzes liefert beispielsweise Informationsschreiben „Übliche Preise“ von Reinhard Pohl für Behörden und Ämter, das als pdf verfügbar ist.

Die Normseite

Die Normseite ist ein Relikt aus der Schreibmaschinenzeit. Sie umfasst 30 Zeilen à maximal 60 Anschläge inklusive Leerzeichen. (Formatierungstipp: Links 3,7, rechts 2, oben 2, unten 2; Schriftart Courier New, Schriftgröße 12; Zeilenabstand genau und 24; Absätze fortlaufend). Dabei folgt der Textfluss dem Original – im Dialog kann eine Normseite also mitunter recht textarm ausfallen.

Tipp 20 für angehende Literaturübersetzer:

Eine Normseite sind NIEMALS 1.800 Anschläge.

Die Normseite enthält erfahrungsgemäß knapp 1.500 Anschläge inklusive Leerzeichen. Im Sachbuchbereich sind bei vielen Überschriften und Leerzeilen auch 1.650 Anschläge als Berechnungsgrundläge verbreitet.

Wenn ein Auftraggeber unbedingt mit 1.800 Anschlägen kalkulieren will, schlagen wir auf unseren eigentlichen „Normseitenpreis“ eben 20 Prozent auf. Letzten Endes ist es also wieder dasselbe. Trotzdem ist im Buchgeschäft die Normseite weiterhin aktuell und auch für die Redakteure ein Anhaltspunkt.

Bei Umsatzsteuerpflicht kommt noch die Umsatzsteuer hinzu (in Deutschland für Bücher aktuell 7 Prozent; für Textredaktion/Lektorat 19 Prozent). Mit der Übersetzung wird ein eigenständiges Urheberrecht erworben, das Recht auf Namensnennung als Übersetzerin und normalerweise auch das Recht auf eine Erfolgsbeteiligung. Der Verlag muss übrigens auch dem Autoren bzw. dessen Verlag die Übersetzungsrechte für den deutschen Markt abkaufen.

… und was heißt das konkret?

Im Einzelfall hängt das Honorar davon ab, was der Verlag sich von dem Manuskript verspricht. Aber auch von der eigenen Erfahrung mit diesem Thema, von der Konkurrenzsituation (bin ich der einzige Übersetzer für Finnisch, der sich dieses Thema zutraut?), vom gewünschten Liefertermin und vielem mehr.

Mit dem Übersetzerhonorar erwirbt der Verlag die Verwertungsrechte an der Übersetzung, und zwar für gedrucktes Buch, eBook, Hörfassung und vieles mehr – je nachdem, was im Vertrag steht. Der VdÜ hat hierzu im Sommer 2013 eine Handreichung mit Tipps zu „Vertragsanbahnung, Verhandeln, Vertrag“ auf seine Homepage gestellt.

Tipp 21 für angehende Literaturübersetzer:

Informationen einholen, Kollegen fragen und klug rechnen, bevor ihr ein Angebot abgebt.

Insgesamt scheinen die Seitenhonorare seit vielen Jahren zu stagnieren und nicht einmal mit der Inflation Schritt zu halten. Beispiel: Eine Normseite, für die 2004 15 Euro gezahlt wurden, müsste bei nur 2 % Erhöhung pro Jahr 2013 mit 18 Euro vergütet werden. Das würde der Einkommensentwicklung in anderen Sparten zumindest ansatzweise entsprechen. Die Hintergründe zum Honorarstreit und zum „Münchner Modell“ aus Sicht der Verlage sind in einer Stellungnahme des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nachzulesen.

Ein Überblick, was 2007/2008 in Europa an Honoraren und Vertragsbedingungen (zum Beispiel auch Erfolgsbeteiligung und Zahlungsziele) üblich war, ist hier zu finden: http://www.ceatl.eu/docs/surveyuk.pdf (wichtig: Seiten 20 bis 33). Die Zusammenstellung ist auf Englisch, und die Schwankungen von Land zu Land (auch in Bezug auf Vorschüsse und Zwischenabrechnungen) sind hoch interessant.

Wenn ihr neuere Überblicke über die Honorarlage kennt, freue ich mich über jeden Tipp! Im nächsten Post dieser Reihe beschäftigen wir uns mit den Fallen, in die Literaturübersetzer und andere Kreative bei der Honorarfindung gerne tappen.

Imke Brodersen

Ein Blog von Imke Brodersen über Bücher, Autoren und den Alltag einer Literaturübersetzerin.
A German literary translator’s blog on books, authors, and translating in general. By Imke Brodersen.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo!
    ich möchte ein Kochbuch aus dem Italienischen übersetzen und nun hatvsich sehr wahrscheinlich ein Verlag gefunden.
    Leider habe ich in dieser Sparte keinerlei Erfahrung,mwas das Honorar betrifft und kenne auch nur einen Übersetzer persönlich, der allerdings politische Bücher für pauschale Honorare übersetzt.

    Mein Verlag gibt an, das Buch habe ca. 60.000 Zeichen. Wird er mir dann einen Vorschlag machen zu Zeichen, zu Normseiten oder pauschal?
    Weiß jemand was da üblich ist und kann ein Zahlenbeispiel nennen? Ich würde gerne beurteilen können ob das Angebot gut ist oder nicht.

    Über jede Hilfe freue ich mich!
    vielen Danke und herzliche Grüße
    Judith

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    • Hallo Judith,
      sorry für die späte Antwort, die jetzt wohl nicht mehr viel hilft. Bei konkreten Fragen kannst du mich gern direkt kontaktieren (siehe Impressum).
      Die Angabe „60.000 Zeichen“ ist wenig aussagekräftig. Manche Verlage definieren die Normseite (30 Zeilen à maximal 60 Anschläge, Umbrüche wie im Originaltext) mit 1800 Anschlägen inklusive Leerzeichen. Alternativ sind fürs Sachbuch 1500 oder auch 1650 Anschläge inklusive Leerzeichen eine häufige Berechnungsgrundlage. Ist also alles Verhandlungssache. Die Berechnung findet normalerweise auf der Basis des Zieltextes statt. Ob italienische Texte bei der Übertragung ins Deutsche kürzer oder länger werden, kann ich nicht beurteilen. Hilfreich ist immer: Das komplette Manuskript schicken lassen und einen kurzen Auszug übersetzen – dann kann man leichter den Zeitaufwand abschätzen und ein sinnvolles Honorar aushandeln. Mit Pauschalen habe ich in jüngerer Zeit schlechte Erfahrungen gemacht, weil es zunehmend vorkommt, dass große Abschnitte der Originaldatei als Bild eingebettet und damit auch mit Profiprogrammen kaum noch sinnvoll auszuzählen sind. Da kommen dann leicht einmal 50 oder 100 Seiten zusätzlich zustande, die den geplanten Zeit- und Kostenrahmen sprengen, und das ist für alle Beteiligten eine ungute Situation.
      Viele Grüße und alles Gute
      Imke

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