Bücher übersetzen – Teil 9

Immer wieder berichten mir Kollegen im Literaturbetrieb, dass man ihnen zwar wunderbare Projekte anbietet, aber zu unterirdischen Honoraren. Als „unterirdisch“ bezeichnen wir hier alle Honorare oder Beteiligungsmodelle, bei denen man bei konzentrierter Arbeit ohne Herumtrödeln in der produktiven Arbeitszeit keinen auskömmlichen Stundensatz erzielen kann.

Zur realistischen Arbeitszeitberechnung verweise ich auf Teil 7 dieser Reihe, Ein faires Honorar für Literaturübersetzungen; zur grundsätzlichen Kalkulation auf Teil 6, Finanzplanung. Über die aktuelle Honorarsituation informiert die im Frühjahr veröffentlichte Honorarumfrage des VdÜ von 2015 (PDF).

Teil 9: Honorarfallen für Kreative

Kreative wie Übersetzer, Texter oder Grafiker tappen sehenden Auges immer wieder in bestimmte Fallen, und die sehen wir uns heute näher an. Weil ich jede dieser Fallen persönlich kenne, habe ich eine Checkliste entwickelt, die ich schon während des Erstkontakts einsetze. Ganz altmodisch auf Papier, damit kein Punkt untergehen kann.

Anfängerfehler?

Im Juni 2016 hörte ich in drei verschiedenen Veranstaltungen für Nachwuchsübersetzer (die ihren Bachelor/Master in der Tasche hatten!) den Satz: „Ich bin ja Anfänger, da kann ich nicht mehr verlangen.“ Stimmt so nicht! Der Verlag möchte sein Buch anständig übersetzt haben und plant dafür bereits beim Einkauf der Übersetzungsrechte ein bestimmtes Budget ein.

Mit Anfängern zusammenzuarbeiten, birgt für den Verlag ein gewisses Risiko und kann für den betreuenden Lektor und die Schlussredaktion möglicherweise einen etwas erhöhten Aufwand bedeuten. Andererseits arbeiten Anfänger ganz besonders akribisch (schließlich wollen sie sich bewähren und hoffen auf Folgeaufträge) und brauchen für dieselbe Arbeit vermutlich etwas mehr Zeit als ein erfahrener Kollege – kein Grund für ein schlechteres Seitenhonorar!

Tipp 25 für angehende Literaturübersetzer: Es wird immer jemanden geben, der es billiger macht. Ein faires Seitenhonorar sorgt für einen freien Kopf und volle Konzentration auf das Projekt.

Der beste Beweis für eine mutige Anfängerin ist aktuell die Amerikanerin Deborah Smith, die Han Kang, junge koreanische Autorin, so bekannt machte, dass diese im Mai 2016 den renommierten Man Booker International-Preis mit ihr teilte. Der Guardian hat über die Zusammenarbeit der beiden berichtet.

Tolles Thema – begrenztes Budget

„Leider haben wir für diese Übersetzung kein höheres Budget.“ Schon mal gehört? Zum Gesamtbudget gehören: Die Beteiligung für den Autoren, die Kosten für den Agenten und/oder die Übersetzungsrechte vom ausländischen Verlag, Übersetzung, Redaktion, ein neues Cover, Umsetzung in Print und digitale Medien, Vertrieb und vieles mehr. Das sind hohe Einstiegskosten, und natürlich versucht ein Verlag, an jeder Stellschraube ein bisschen zu drehen.

Tipp 26 für angehende Literaturübersetzer: Wenn der Verlag nicht kostendeckend kalkuliert, ist das nicht dein Problem.

Wieso darf ein Buch auf keinen Fall mehr kosten als eine gute Zeitschrift oder eine Kinokarte? Wenn die Leser partout nicht bereit sind, auch für die Übersetzung einen angemessenen Anteil zu zahlen, stellt sich die Frage, ob es wirklich so wichtig ist, dass ausgerechnet dieses Buch übersetzt wird.

Bei Werken mit einem hohen künstlerischen Wert oder wenn eine wenig bekannte Kultur erschlossen werden soll, kann der Verlag die Bewerbung um ein passendes Stipendium unterstützen. Der VdÜ informiert regelmäßig über Preise und Stipendien für Übersetzer. Frauen scheinen hier übrigens mal wieder besonders sozial zu ticken: Wir erledigen nicht nur einen Großteil der Übersetzungen, sondern nehmen dafür auch weniger Geld als die männlichen Kollegen (Seite 2 und Seite 6 der eingangs erwähnten Honorarumfrage).

Die Sache mit dem Flow

Aber warum übersetzen manche Leute notfalls sogar „für umme“? Interessante Denkanstöße liefert dazu das YouTube-Video von RSA ANIMATE: Drive: The surprising truth about what motivates us. Der Tenor: Persönliche Zufriedenheit und Topleistung erzielt man bei geistig-kreativen Tätigkeiten über die Kombination der Faktoren Autonomie, Können und Sinnhaftigkeit.

Diese Faktoren greifen ab dem Moment, wo die Grundbedürfnisse gedeckt sind, und sind eine typische Falle für Berufsanfänger kurz nach dem Studium, die von ihrer bisherigen Situation ausgehen und sich vielleicht zunächst mit einer anderen Tätigkeit über Wasser halten.

Wir Kreativen lieben die selbstbestimmte Arbeit (Autonomie) an einem für uns und andere wichtigen Thema (Sinn), bei der wir obendrein immer besser werden (Können). Da kommt leicht das Gefühl auf, dass man netterweise für etwas bezahlt wird, das so viel Spaß macht, dass man es glatt umsonst täte. Dabei beginnt bei Übersetzern schnell derart der Kopf zu rauchen, dass man in einen kreativen Flow gerät.

Tipp 27 für angehende Literaturübersetzer: Wenn der angebotene Auftrag nach Traumjob klingt – zurück auf den Teppich! Ist das angebotene Honorar so bemessen, dass du davon so lange leben und alle Verbindlichkeiten erfüllen kannst, bis auch der nachfolgende Auftrag erledigt und bezahlt ist?

Wenn nicht, solltest du den Auftrag ablehnen. Diese Regel gilt insbesondere für alle, die nur hin und wieder nebenbei ein Buch übersetzen, weil es nun einmal so viel Spaß macht. Kann man machen, klar. Aber willst du wirklich mit deiner sonstigen Arbeit den Buchhandel sponsern? Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum alle mit dem Buch Geld verdienen, nur die Übersetzerin nicht.

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Imke Brodersen

Ein Blog von Imke Brodersen über Bücher, Autoren und den Alltag einer Literaturübersetzerin.
A German literary translator’s blog on books, authors, and translating in general. By Imke Brodersen.

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